Erschienen auf www.lifaa.de am 24.07.15 

 

„Na Prinzesschen, hast Du es Dir zu gemütlich gemacht?“ 

 

Ein toller neuer Mann in meinem Leben, mit dem ich mich fast blind verstehe und der sich ebenfalls in mich verliebt. Soweit alles perfekt, sowie es im Märchenbuch beschrieben steht, in dem der Traumprinz auf einem weißen Schimmel daher geritten kommt und die Prinzessin voller Tatendrang und Kühnheit aus dem Turm befreit, in dem sie sich versteckte... 

Doch auf Wolke 7 folgt der Absturz, als er mir offenbart, dass ihm meine Figur nicht gefällt. Genauer gesagt, sei ich ihm nicht schlank genug und er wolle aber nicht, dass ich anfange, mich seinetwegen zu verändern. Deswegen die Entscheidung, unsere Beziehung nach kurzer Zeit doch wieder zu beenden. 

 

Scheinbar sah für ihn die Prinzessin aus dem hohen Turm von unten schlanker aus, als dann nach der Rettung auf dem Erdboden... Zur Info: Ich bin 1,65m und wiege 58 Kilogramm - trage seit Jahren Kleidergröße 38. Ja, ich habe einen kleinen Bauch und einen Po. Ich achte auf meine Ernährung und treibe regelmäßig Sport, aber ich sage ab und an zu einer Pizza oder Tafel Schokolade nicht Nein. Ich will mein Leben schließlich genießen und nicht permanent Kalorien zählen. 

Nein, ich habe keine Modelmaße. Die brauchte ich bisher auch noch nicht, denn Sympathie fängt meiner Meinung nach mit den inneren Werten an. Und nun eine Erfahrung wie diese. Ich wundere mich überhaupt nicht mehr, dass so viele Mädchen und Frauen unter Essstörungen leiden, wenn es solche Kerle gibt, die oberflächlich sind und das Äußere einer Frau wichtiger finden, als ihre inneren Werte. 

 

Ich hielt es fast schon für einen Mythos und eine Erfindung der gängigen Massenmedien, dass Männer nur Frauen mit einem flachen Bauch und großer Oberweite attraktiv finden. Doch nun habe ich so jemanden im wahren Leben getroffen, der den Bezug zur realen Welt verloren hat. Dabei ist er selbst kein muskulöser Kerl, doch gerade das führte dazu, dass ich mich in ihn verliebte. Aus seiner Sicht wahrscheinlich total paradox... 

 

Ich war nach seiner letzten Aussage völlig schockiert und außer mir! Wie kann mein Traumprinz nur plötzlich so einen Stuss von sich geben! Vor allem, nachdem er sich die Mühe machte, meine von mir gebaute Schutzmauer zu erklimmen und mich aus dem hohen Turm zu befreien. 

 

Nun habe ich zwei Möglichkeiten: 

1.: Ich übertrage meine Erfahrung mit diesem einen Mann auf alle anderen Männer und stemple alle Dreibeiner gleichermaßen als Idioten ab. Darüberhinaus halte ich mein Hackebeil bereit, sollte einer von ihnen es wagen, mir je wieder nahe zu kommen. 

Oder 2.: Ich gehe in mich und erkenne die Moral von der Geschicht. Denn diese lautet wie folgt: 

Dieser Mann zeigt mir lediglich meine eigenen Unsicherheiten gegenüber meinem Körper auf, die ich in mir habe und bisher ignorierte. Er spiegelt also mein Inneres. Völlig unbewusst und ohne dafür eine Medaille zu verdienen. Er zeigt förmlich mit dem Finger auf meine intimsten Komplexe, als wolle er fragen: „Na Prinzesschen, hast Du es Dir in deinem Turm vielleicht zu gemütlich gemacht?“ 

 

Und ich erkenne, dass ich tatsächlich fauler geworden bin in den letzten Wochen und mich schon länger mein schlechtes Gewissen plagt, dass ich wieder mehr für meine Fitness tun könnte. Wohl bemerkt nicht deswegen, um einem Prinzen zu gefallen, sondern um vitaler zu sein. Ebenso ertappe ich mich dabei, dass ich niemals etwas Figurbetontes zu einer ersten Verabredung anziehen würde, aus Angst, der Prinz könnte direkt auf dem Absatz kehrt machen und wieder davon reiten. 

 

Das ist dumm, ich weiß. Denn nur so könnte ich direkt Prinz von Frosch unterscheiden und mir derartige Erfahrungen ersparen. Der Prinz würde bleiben, trotz fehlender Modelmaße meinerseits und der Frosch würde davon hüpfen. Hinzukommt, dass ich bisher immer dachte, wenn ich erst einmal einen Partner habe, der mich liebt und mir bestätigt, wie schön ich doch sei, trotz meiner Cellulite-Dellen und meinem Bauchansatz. Dann könnte ich das auch selbst glauben und mich ganz so annehmen, wie ich bin. Auch ohne Modelmaße. (Oder nicht laufstegschön zu sein, siehe Artikel auf https://handwerksmacher.de/2019/09/08/zwischenruf-13-nicht-laufstegeschoen-sondern-handwerkshuebsch/)

 

Doch so funktioniert das nicht, denn ich kann auch ein Pferd aus der Prinzengarde nicht von hinten aufzäumen. Daher mein Fazit: Erst wenn ich mich selbst zu 100% annehme, sowie ich bin, kann das auch mein Partner tun. Und nicht andersherum. 

 

Schönheit liegt im Auge des Betrachters und ist zweifelsohne eine Geschmacksfrage. Eine perfekte Figur nach Schema F gibt es nicht, auch wenn das in der Gesellschaft oft so propagiert wird. Ich persönlich brauche übrigens auch keinen Mann mit einem Sixpack und will keinen Spargel-Tarzan zwischen den Bettlaken suchen müssen. Davon mal abgesehen, dass ich weiterhin mit dem Herzen sehen will und nicht mit dem Kopf, der von irrealen Bildern aus der Medienwelt verwirrt ist. 

 

 (Oder wir haben den Mut, uns alle authentisch und handwerkshübsch zu zeigen. Ergänzung aus heutiger Sicht. ;) )